kurzportraits junge flüchtlinge

 

Im Laufe der fünf vergangenen Jahre haben wir viele junge Flüchtlinge aus unterschiedlichen Herkunftsländern und Kulturen kennen gelernt. 2014 sind 206 junge Flüchtlinge mit unterschiedlichen bildungsbezogenen Anliegen bei uns vorstellig geworden, 2009 waren es erst knapp mehr als 70 .... Der Bedarf an Bildungsunterstützung wird angesichts der Flüchtlingssituation weiter steigen, wir sehen das an den vielen Jugendlichen, die seit Ende August 2015 bei uns um Unterstützung bei der Lehrstellensuche anfragen.

Manche Jugendliche begleiten wir nur kurz, die Teilnehmer des Lehrstellenprojektes Bildungswege alle längerfristig, bis zum Abschluss der Lehre. 139 junge Flüchtlinge waren seit 2010 Teilnehmer an diesem Projekt. 119 von ihnen sind nach wie vor in der Lehre bzw. haben die ersten aus den Projektjahren 2010/2011 ihre Lehre schon erfolgreich abgeschlossen, die meisten wurden von den Unternehmen erfreulicherweise übernommen.

Wir sehen mit Freude, wie die Jugendlichen nach und nach “flügge” werden, – sie erwachsen, verantwortungsbewusst agieren und sie sich in ihrer Ausbildung wohl fühlen.

Unser Zivildiener Morris, er war von Oktober 2013 bis Juni 2014 bei uns, hat einige Jugendliche interviewt und porträtiert. Nachstehend die ersten Porträts, weitere werden nach und nach folgen.

Unsere neue Praktikantin, die Studentin Stefanie Weniger, seit Herbst 2015 bei uns, hat weitere Porträts verfasst, – sie finden sich im Anschluss an die 5 Porträts von Morris.

© Fotos: faksimile digitale; privat

 

PortraitSamir Zaki

Samir ist seit 2007 in Österreich. Anfangs war er zwei Monate in Traiskirchen. Danach zog er nach Mödling, von wo er jeden Tag nach Wien pendelte, um einen Deutschkurs zu besuchen. Nach 6 – 8 Monaten zog er nach St. Pölten, wo er einen weiteren Deutschkurs besuchte, den Hauptschulabschluss absolvierte und danach ein Semester die Handelsakademie besuchte. Diese brach er aber ab, da er noch Verständnisprobleme hatte. Während seiner Zeit in St. Pölten machte Samir auch den Führerschein, obwohl er noch kaum Deutsch sprach. Für die Theorieprüfung lernte er einen Monat lang alle Antworten auf die Fragen mit Hilfe des Übungsprogramms am Computer auswendig und schaffte dadurch beim ersten Teil des Tests 100 Prozent, beim zweiten Teil 98 Prozent. Da er aber Deutsch noch nicht sehr gut sprach, verstand er auch die Liste mit den Ergebnissen, die ausgehängt war, nicht und wollte – in dem Glauben, er hätte die Prüfung nicht geschafft – gehen, bevor ihm sein Lehrer dann sagte, er habe die beste Leistung erzielt.

Seit 2010 lebt Samir in Wien. Hier lernte er Veronika und lobby.16 kennen, über die er eine Lehrstelle als Einzelhandelskaufmann bei T-Mobile vermittelt bekam. Die Lehre schloss er letztes Jahr mit Auszeichnung ab und ist seitdem bei T-Mobile fest angestellt.

Die Matura machte Samir bereits in Afghanistan. Er hat vor, relativ bald eine Prüfung abzulegen, um seine Matura in Österreich verifizieren zu lassen. Da er sich für Politik interessiert, würde er danach gerne Politikwissenschaften studieren.

In seiner Freizeit trifft er Freunde, kocht und isst öfters mit ihnen. Außerdem geht er schwimmen und spielt gerne Volleyball. Auch verreist ist er innerhalb Österreichs schon öfters und war bereits in jedem Bundesland abgesehen von Vorarlberg. Die Natur in Afghanistan gefällt ihm aber besser als in Österreich. Welcher Teil Österreichs Samir am meisten gefällt weiß er nicht, aber Kärntnen findet er „leiwand“.

PortraitNasir Hosseinzadeh

Nasir ist seit 2009 in Österreich. Anfangs war er in Traiskirchen und verbrachte danach ein halbes Jahr in Mitterbach (NÖ). Die Zeit dort war nicht einfach für ihn, denn er war alleine, hatte keine Beschäftigung, durfte keinen Deutschkurs machen. Er war es von früher nicht gewohnt soviel Zeit alleine verbringen zu müssen und verbrachte die sechs Monate, die er dort lebte prinzipiell mit dem Warten auf das Ergebnis seines Asylverfahrens.

Nasirs Verfahren ging positiv aus (subsidiärer Schutz) und er zog nach St. Pölten, was ihm viel besser gefällt als Mitterbach. Denn um Mitterbach herum waren nur Berge, es lebten nur ältere Menschen dort, alle blieben zu Hause und es war generell zu ruhig. Als Nasir seine Dokumente bekam, zog er nach Wien, ging zum AMS, meldete sich dort an und besuchte einen 6-7 monatigen Deutschkurs, den er mit Niveau A2 abschloss. Daraufhin holte er den Hauptschulabschluss im UKI nach und wurde währenddessen von seiner Direktorin auf lobby.16 hingewiesen, wo er nach dem Hauptschulabschlusskurs am Projekt „Bildungswege” teilnahm. Im Kurs war sein Lieblingslehrer der Mathematiklehrer Christoph, der viel ernster war als die anderen Lehrer – was Nasir besser findet, da Christoph von den Schülern ernst genommen wurde, die anderen Lehrer aufgrund ihrer lockereren Art durch die Schüler vom Unterrichten abgehalten worden wären. Während dem Kurs schnupperte Nasir bei Unternehmen wie T-Mobile und den ÖBB und auch in einigen Hotels. Schließlich gab ihm die ÖBB einen Platz für eine Lehre zum Maschinenbautechniker, nachdem er bei einem Auswahlverfahren zu den fünf erfolgeichen ÖBB-Lehrlingskandidaten avancierte.

Seit September 2012 ist Nasir nun Lehrling. Er ist sehr froh diese Lehre zu haben, denn er meint es sei sehr schwierig gewesen eine Arbeit zu finden und ist sich sicher, dass es jetzt noch schwieriger wäre. Der Anfang der Lehrausbildung fiel ihm jedoch nicht leicht. Bereits am ersten Tag wollte er aufhören, doch konnte er nach einem Gespräch mit Veronika und Daniela, die ihn motiviert haben weiterzumachen, zum Bleiben überredet werden. Es war anfangs auch von der Sprache nicht leicht für ihn, denn es gab kaum Ausländer (bzw. Persisch sprachige Lehrlinge) und auch die Ausbildner sprachen sehr oft im Dialekt. Was Nasir nach der Lehre macht weiß er noch nicht ganz genau, aber er würde gerne eine weitere Ausbildung beginnen bzw. sich weiterbilden.

In seiner Freizeit geht Nasir gerne spazieren (oft beim Handelskai bzw. Kaisermühlen). Er spielte früher auch bei einem Tischtennisverein, doch dort konnte man nur mit einem Partner spielen und sein Partner hörte leider schon nach zwei Monaten auf, da er mit seinem Studium begann und so hörte auch Nasir nach kurzer Zeit wieder damit auf. Früher, so Nasir, hatte er mehr Lust Sachen zu unternehmen, doch er meint wenn man ohne Familie in einem Land lebt mache einen das etwas traurig und einsam und man habe daraufhin nicht mehr soviel Lust noch sehr viel zu unternehmen. Er hört lieber zu Hause Musik oder sieht sich Filme an. Nasir erwähnt jedoch, dass ihm auch die Arbeit viel Spaß macht (und es deswegen nicht so schlimm sei).

PortraitBashir Mahmudi

Bashir ist Ende 2009 nach Österreich gekommen und hat hier zuerst zwei Jahre in Wels gelebt. Dort bekam er – obwohl er noch kein Deutsch sprach, aufgrund seiner Englischkenntnisse einen Job als Lagerarbeiter. Diesen führte er 5-6 Monate aus, bis er sich bei einem Arbeitsunfall das Handgelenk brach.

Da der Akzent in Oberösterreich schwer zu verstehen war, er sich deswegen schwer getan hat neue Leute kennenzulernen und es prinzipiell wenige Möglichkeiten in Oberösterreich gab, kam Bashir 2011 nach Wien, machte hier einen Deutschkurs und absolvierte den Hauptschulabschlusskurs. Hier lernte er dann auch mehr Leute kennen und kam im Oktober 2012 zu lobby.16, wo er am Projekt „Bildungswege“ teilnahm. Während des Projekts absolvierte er Praktika bei den ÖBB und der KBA-Mödling, wobei bei letzteren der Aufnahmetest sehr schwierig war. Doch im nachhinein, so meint Bashir mit einem Lachen, ist er froh, dass er bei der KBA nicht aufgenommen wurde, da diese viele Mitarbeiter abbauen musste wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten. Seine Lehre hat er im Vergleich zu anderen Teilnehmern der „Bildungswege“ relativ spät gefunden. Er musste lange warten und ist auch teilweise schon sehr ungeduldig geworden, doch schlussendlich bekam er eine Lehrstelle bei Kapsch, wo er seit September 2013 eine Lehre zum Elektrokommunikations- und Informationstechniker und auch die Matura macht. Die Lehre gefällt ihm, da er technik- und elektronikinteressiert ist. Jedoch war der Anfang schwierig und auch jetzt muss er noch viel lernen, was sehr anstrengend ist. Außerdem hat er nur 3-4 Stunden pro Woche Berufsschule und meint, in der kurzen Zeit könne man sich kaum auf die folgende Stunde vorbereiten.

In seiner Freizeit lernt Bashir gerne neue Leute kennen, er ging früher ins Fitness-Center, hat aber momentan keine Zeit mehr dafür. Er klettert gerne, spielt gerne Fußball und Billard. Außerdem geht er mit Freunden gerne grillen und kochen macht ihm generell viel Spaß. Bashir reist gerne und ist bereits in allen Bundesländern Österreichs gewesen (womit er gewissen Zivildienern schon etwas voraus hat ;). Innsbruck und Salzburg gefallen ihm sehr gut, Oberösterreich ist aber sein Lieblingsbundesland, da er es irgendwie als sein „Heimatland“ ansieht. Kurz vor Ende des Interviews erwähnt Bashir außerdem, dass er momentan leider keine Freundin hat, da er auch keine Zeit hat, (aber vielleicht findet sich ja unter den Leserinnen eine Interessentin ;)

PortraitJawid Nazari

Jawid ist 2009 nach Österreich gekommen und hat seine ersten Jahre hier in Graz verbracht. Dort lebte er in einem Jugendheim, besuchte Deutschkurse und holte den Hauptschulabschluss nach. Jawid hat die Sprache relativ leicht erlernt, da in seinem Umfeld fast nur Deutsch gesprochen wurde. Nur mit dem steirischen Dialekt und den Artikeln tat er sich manchmal ein bisschen schwer [was ja auch nachvollziehbar ist ;)]. In Graz begann er auch eine Lehre zum Elektro- und Gebäudetechniker beim BFI. Nach einigen Jahren erhielt er außerdem im 2. Anlauf Asyl in Österreich. Er hat auch probiert, während der Lehre gleichzeitig die Abend-HTL zu besuchen, brach diese aber nach einiger Zeit wieder ab, da Lehre und Schule zusammen ihm zu anstrengend wurden.

Obwohl ihm Graz sehr gut gefällt, da es eine schöne und ruhige Stadt ist, beschloss er aus beruflichen Gründen nach Wien umzuziehen und lebt nun seit Sommer 2013 hier. Jawid absolvierte ein zweiwöchiges Praktikum bei Kapsch und begann daraufhin im September die Lehre “Elektronik und Telekommunikation”, die ihm sehr gut gefällt. Bei Kapsch arbeitet er mit anderen Lehrlingen aus Afghanistan zusammen, die er über lobby.16 kennengelernt hat, was ihm viel Spaß macht.

In seiner Freizeit spielt Jawid gerne Billard, geht schwimmen, fährt Rad und trifft sich auch sehr gerne mit Freunden. Weiters reist er gerne und hat schon mehrere Orte in Österreich gesehen wie Salzburg, Klagenfurt oder auch Tirol, die ihm alle gefallen haben (nur in Tirol war’s ihm ein bisschen zu kalt). Nächsten Sommer hat er vor in Europa zu reisen und entweder nach Italien oder Griechenland (etwas wärmere Orte) zu fahren.

PortraitMohammad Djami

Mohammad kam 2009 nach Österreich und verbrachte seine ersten zwei Jahre hier in Kärnten. Dort wohnte er in einem Heim, in dem er begonnen hat Deutsch zu lernen. Er arbeitete für eine kurze Zeit als Koch und später für ein halbes Jahr als Abwäscher in einem Hotel. Seit Anfang 2011 lebt Mohammad in Wien. Er machte hier den Hauptschulabschlusskurs und absolvierte einen Deutschkurs auf Niveau B1 erfolgreich. Wien gefällt ihm wesentlich besser als Klagenfurt, da es viel größer ist und man hier mehr Möglichkeiten hat.

Durch einen Freund wurde er auf lobby.16 und das Projekt “Bildungswege” aufmerksam, das er 2013 erfolgreich abschloss. Er fand den Kurs sehr hilfreich, aber auch relativ einfach. Im August hat er eine Lehre bei Porr begonnen. Seitdem hat er an Disziplin dazugewonnen, denn er ist bei Porr noch nie zu spät erschienen, was beim Kurs – laut eigenen Angaben – doch öfters passierte. Die Arbeit bei Porr gefällt ihm sehr gut, trotzdem war die Eingewöhnung, auch aufgrund der Sprache, nicht sehr einfach. Mittlerweile bekommt er aber von seinen Vorgesetzten sehr positives Feedback.

Mohammads Ziel ist es nach dem Abschluss der Lehre als Polier zu arbeiten oder an der Abendschule seine Matura nachzuholen. Außerdem hat er schon darüber nachgedacht ein eigenes Geschäft zu eröffnen. Wenn er die österreichische Staatsbürgerschaft erhalten sollte, würde er auch gerne zum Bundesheer oder zur Polizei gehen. Er sei sich aber noch nicht ganz sicher darüber, was er nach der Lehre machen wolle. Es wird ja noch mehrere Jahre dauern, bis er sie abschließen wird.

Zu seinen Hobbys gehören Fußballspielen – wofür es ihm aber jetzt im Winter zu kalt ist – , sich mit Freunden zu treffen und ins Fitnesscenter zu gehen. Instrument spielt Mohammad keines, doch er wohnt mit DJ (siehe Porträit DJ) zusammen und meint, dessen ständiges Tambura spielen gehe ihm schon ein bisschen auf die Nerven. Aber letzteres sagt er mit einem verschmitzten Lachen, ganz so schlimm dürfte es also nicht sein ... :-))

Mohammad möchte sich außerdem an dieser Stelle noch einmal herzlich bei lobby.16 für die Unterstützung und Hilfe beim Suchen einer Lehrstelle bedanken.

PortraitMohammad Djawad (“DJ”) AHMADI

DJ, so sein Spitzname, kam Ende 2007 mit 17 Jahren nach Österreich und hat zuerst in Linz gewohnt. In der Hauptschule besuchte er die zweite und dritte Klasse, wo er auch Deutsch lernte. Danach machte er den Hauptschulabschlusskurs beim BFI. In seinem Wohnheim sprach er hauptsächlich Persisch, da es sehr viele afghanische Flüchtlinge gab. Trotzdem beherrscht er jetzt die deutsche Sprache sehr gut, da er auch neben der Schule Deutschkurse belegt hat. Außerdem hat er eineinhalb Jahre lang für den Fußballverein “Admira Linz” gespielt.

Seit 2011 lebt DJ mit seinem Bruder in Wien, seine Familie hat er mittlerweile aus Afghanistan nach Österreich geholt. Jedoch lebt sein kleinerer Bruder mit seiner Mutter in Linz. In Wien fand DJ eine bessere Unterstützung, besonders was Nachhilfe und Lernen betrifft.

Ende 2012 machte ihn ein Freund auf das Projekt “Bildungswege” von lobby.16 aufmerksam. Er hat dieses Lehrstellenprojekt im Juni 2013 erfolgreich abgeschlossen und mittlerweile eine Lehre zum Maurer bei der Firma Porr angefangen. Die Eingewöhnung fiel ihm hierbei nicht sehr schwer, da er bereits praktische Erfahrung aus seiner Arbeit in der Heimat hatte. Obwohl er den Test nicht optimal machte, hinterließ er beim Schnuppern einen sehr positiven Eindruck – als als Einziger konnte er eine an die angehenden Lehrlinge gestellte Aufgabe lösen. Sein Ziel bei Porr ist es, eines Tages Bauleiter zu werden.

Von dem Projekt bei lobby.16 spricht DJ in höchsten Tönen, meint aber, dass man auch selber lernen müsse, um dann wirklich eine Lehrstelle finden zu können und dass einem nicht alles in den Schoß fällt, sobald man ins Projekt aufgenommen ist.

In seiner Freizeit spielt DJ sehr gerne die Tambura (ein gitarrenähnliches Instrument aus Afghanistan mit nur 2 Saiten). Er lernt dieses Instrument zwar erst seit einigen Monaten, spielt aber schon beachtlich gut und bekommt auch von seinem Lehrer häufig Komplimente wegen seines Lernfortschritts. DJ ist außerdem generell ein sehr sportbegeisterter Mensch, der in seiner Freizeit gerne mit Freunden Fußballspielen geht. Seit einem halben Jahr lernt er auch noch Shaolin Kung-Fu.

Portrait Dost KhugianiDost Khugiani

Dost kam Mitte August 2011 nach Österreich. Den ersten Monat verbrachte der damals 14-jährige Afghane im Erstaufnahmezentrum Traiskirchen, bis er in weiterer Folge in das Laura Gatner Haus nach Hirtenberg übersiedelte. In diesem Wohnheim für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge verbrachte Dost die nächsten paar Jahre. Hier baute er sich Schritt für Schritt das Gerüst für einen Neuanfang auf, der Besuch eines Deutschkurses sollte hierfür den Grundstein legen. Nach und nach wollte er seine Interessen in Richtung einer beruflichen Orientierung ausloten und so Erfahrung in der Praxis sammeln. Dafür verschaffte er sich in den nächsten Jahren praktische Einblicke in die Bereiche des Einzelhandels, Maschinenbaus, der Gebäudetechnik und der Systemgastronomie. Doch wieder einen Schritt zurück, zuerst galt es für den jungen Mann den Pflichtschulabschluss nachzuholen.

2012 bis 2013 besuchte er die Polytechnische Schule in Pottenstein. Der erste Schultag war für den jungen Afghanen sehr emotional, hatte er doch in Afghanistan nicht die Möglichkeit die Schule zu besuchen. Tränen drückten seine Freude über diesen besonderen Moment aus. In Afghanistan wurde Dost von seinen Eltern unterrichtet, ein respektvoller und freundschaftlicher Umgang mit seinen Lehrern lag ihm deswegen besonders am Herzen. Von September 2013 bis Juni 2014 machte er schließlich seinen Pflichtschulabschluss in Mödling und konnte mit einem nachfolgenden Deutschkurs seine Kenntnisse der Sprache weiter vertiefen. Die nächsten Schritte führten Dost zu lobby.16. Seine Betreuerin im Laura Gatner Haus hatte ihn auf den Verein aufmerksam gemacht. Im Zuge des Projekts “Bildungswege” konnte er sich mit ein paar “Schnuppertagen” Einblick in verschiedene Unternehmen verschaffen, bis er schließlich eine passende Lehrstelle fand. Ende August 2015 trat der junge Mann seine Lehre bei dem Baukonzern PORR AG im Bereich des Tiefbaus an.

Neben seiner Ausbildung widmet sich Dost vorwiegend einer bestimmten Leidenschaft: der Schauspielerei. Sein Interesse an der Bühnenkunst kann auf eine für ihn prägende Begegnung im Laura Gatner Haus zurückgeführt werden. Dafür bedarf es eines kurzen Rückblickes in das Jahr 2012. Die Josefstadtschauspielerin Hilde Dalik war damals im Zuge eines theaterpädagogischen-Workshops im Wohnheim zu Besuch und gab Dost den entscheidenden Impuls für das Eintauchen in diese Welt. Seine neu erkundete Leidenschaft für Theater zeigte sich später sowohl in der Theorie als auch in der Praxis. Die meiste Zeit nützt Dost die Bühne heute selbst als Ort der praktischen Erprobung seines Interesses, doch auch zwei Theaterstücke stammen aus der Feder des jungen Mannes. Für die Weihnachtsfeier im Laura Gatner Haus letzten Jahres (2014) wurden seine Stücke “Landeier” und “Der starke Mann” auf der Bühne realisiert.

In Wien konnte Dost sein Interesse für die Schauspielerei in die Praxis umsetzen. Hilde Dalik gründete eine multikulturelle Theatergruppe und setzte alsbald ihr erstes Projekt “Romeo & Julia- Freestyle” für die Theaterstätte Dschungel Wien um. Jugendliche Flüchtlinge sollten hier in einer freien Annäherung an Shakespeares Drama “Romeo und Julia” ihre persönliche und kulturzentrierte Sichtweise auf verschiedene Themen, wie “Liebe und Hass” auf die Bühne bringen. In der Hauptrolle des Romeos konnte Dost in dem Stück eine Brücke zur Kultur Afghanistans bauen und diese dem Publikum näher bringen. Am 05. September 2014 wurde das Bühnenspektakel im “Dschungel Wien” uraufgeführt. Aktuell probt die Theatergruppe ihr zweites Stück “Ich & Du” ein. Abseits der Theaterproben engagiert sich die Gruppe auch für Flüchtlinge, die aktuell nach Österreich kommen, hilft am Westbahnhof bei deren Ankunft aus oder sammelt Spenden, die anschließend nach Traiskirchen gebracht werden.

Dost agierte in dem Theaterstück “Romeo und Julia” nicht nur als Sprachorgan der afghanischen Kultur, er konnte auch seinen Gedanken und Gefühlen zu seiner persönlichen Geschichte als Flüchtling Ausdruck verleihen. Er vermochte es so eigene Bilder zu schaffen und zu vermitteln und konnte somit jenen etwas entgegensetzen, die oftmals in Medien zirkulieren und die Leser auf einer anderen Ebene berühren. Nicht nur auf der Bühne agierte er selbst sozusagen als Botschafter der Flüchtlinge. Dost wurde Ende Jänner zu der Präsentation des Kinderbuches “Wahid will bleiben” von Franz-Joseph Huainigg und Inge Fasan eingeladen. Das Buch handelt von einem Flüchtling, der minderjährig nach Österreich kam und seine ersten Schritte auf dem Weg einer Neuorientierung schildert. Dost gewährte den Zuhörern nach Vorstellung des Buches Einblick in seine ganz persönliche Erfahrungswelt als Flüchtling und konnte so an die Geschichte des Protagonisten anknüpfen. Im Oktober des gleichen Jahres stand der junge Mann erneut auf der Bühne, diesmal jedoch nicht in der Funktion eines Akteurs. Im Rahmen einer Matinée im Theater in der Josefstadt, mit dem Titel “Fremd oder nicht fremd?”, welches anlässlich der Gemeinderatswahlen in Wien ein Diskussionsfeld über die Thematik der Willkommenskultur in Österreich eröffnete, schilderte Dost erneut seinen Weg, den er als Flüchtling zurückgelegt hat. Er appellierte an die Menschen, auch einmal hinter die Zahlen der Flüchtlingsbewegungen zu blicken und Flüchtlinge differenziert zu betrachten.

Dost widmet sich nicht nur mit Leidenschaft der Bühnenkunst, auch die Kampfkunst hat es dem jungen Mann angetan, genauer gesagt der Kampfsport Taekwondo. Früher, als er noch mehr Zeit dafür aufbringen konnte, nahm Dost auch an Turnieren teil, welche er oftmals erfolgreich beendete. Im Moment trainiert er an den Wochenenden Breakdance und Akrobatik, um für die Tanzeinlagen der Theaterstücke bestmöglich vorbereitet zu sein. Auch im Fitnesscenter hat er sich deshalb eingeschrieben.

Dost möchte sich im März nächsten Jahres für die Matura im Abendgymnasium anmelden, so dass er später einmal ein Studium im technischen Bereich abschließen kann.

PortraitTamim Solimani

Tamim lebt seit Mitte Juli 2009 in Österreich. Nach seiner Erstaufnahme in Traiskirchen zog der damals 17-jährige Afghane bald zu seiner Schwester nach Wien, die schon seit 14 Jahren in der Bundeshauptstadt lebt. Die ersten Schritte auf dem Weg eines Neuanfangs waren für Tamim nicht leicht. Tamim war sich bewusst, dass das Erlernen der deutschen Sprache der erste Schritt einer Eingliederung in ein neues System darstellen würde. Das islamische Zentrum Wiens half dem jungen Mann bei diesem Vorhaben und vermittelte ihn zu einem Deutschkurs in der Jugendbildungswerkstatt “Interface Wien”. Als Tamim Mitte 2010 seinen Asylbescheid bekam, konnte er sich schließlich für einen Kurs zur Absolvierung des Hauptschulabschlusses anmelden. Neben seinen Schulbesuchen arbeitete er am Wochenende in einer Bar. Er wollte mit Einheimischen kommunizieren, theoretisches Wissen in die Praxis umsetzen und so seine Sprachkenntnisse erweitern.

Nach erfolgreicher Absolvierung des Kurses besuchte Tamim ein Semester lang die HAK, entschied sich aber letztendlich dafür eine Lehre zu machen. über einen Kursteilnehmer, welchen Tamim im Zuge eines Integrationsprojektes kennenlernte, wurde er Mitte Juli 2012 auf den Verein lobby.16 aufmerksam. Im Herbst des gleichen Jahres begann für Tamim dann im Zuge des Projektes “Bildungswege” die Suche nach einer Lehrstelle. Sein erster Wunsch nach einer Arbeitsstelle in einer Bank oder in einem Bürogebäude konnte sich wegen damals noch vorherrschender Verständigungsprobleme nicht erfüllen. Als er dann eines Tages bei der ÖBB zu Besuch war und Einblick in dortige Arbeitsprozesse erlangte, war für ihn schnell gewiss, dass er dort seine Lehre beginnen möchte. Im September 2013 konnte er seinen Wunsch schließlich in die Tat umsetzen und begann seine Lehre als Anlage- und Betriebstechniker. Tamim möchte später einmal von der ÖBB übernommen werden, da er sich in dem Arbeitsumfeld sehr wohl fühlt.

In seiner Freizeit hat Tamim früher öfters Snooker gespielt. Seit einem Jahr widmet er sich aber vermehrt dem Boxen, welches er je nach Zeitfenster 3- bis 4-mal pro Woche ausüben kann. Hierbei kann der junge Afghane einen guten Ausgleich zu seiner Lehre finden.

Seyyed Rohullah Murtasavi

Seyyed war 16 Jahre alt, als er Ende April 2012 nach Österreich kam. Die ersten 3 bis 4 Monate war er in Traiskirchen untergebracht, bis er in eine Wohngemeinschaft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nach Gänserndorf zog. Dort verbrachte er die nächsten 1 1/2 Jahre und konnte mit dem Besuch eines Deutschkurses Schritt für Schritt sprachliche Barrieren durchbrechen. Von April bis November 2013 nahm Seyyed an einem Kurs zur Erlangung des Hauptschulabschlusses in Wien teil. Nachdem der junge Afghane diesen erfolgreich absolvierte, meldete er sich für das Projekt “Bildungswege” von lobby.16 an. Zunächst wollte er eine Lehrstelle als Einzelhandelskaufmann finden, jedoch war in diesem Bereich kein Ausbildungsplatz mehr frei. Sein zweiter Wunsch nach einer Ausbildung im technischen Bereich konnte sich dann allerdings erfüllen und so trat er im Herbst 2014 seine Lehre bei der öBB als Elektrotechniker an.

Seyyed wurde vor ungefähr 2 Jahren in einer Patenfamilie aufgenommen. Diese unterstützte ihn im Zuge seiner Neuorientierung, knüpfte für ihn ein Auffangnetz. Er ist regelmäßig bei dem Ehepaar mit 2 Kindern zu Besuch, erfreut sich an Gesprächen und gemeinsamem Essen. Ab und zu machen sie auch zusammen Ausflüge.

In seiner Freizeit übt Seyyed 3-mal die Woche den Kampfsport Taekwondo aus, trifft sich mit Freunden oder seiner Patenfamilie. Außerdem widmet er sich mit Vorliebe der Fotografie, sowie der Bildbearbeitung mit Photoshop. Seyyed hat schon in Afghanistan erste Erfahrungen im Bereich des Webdesigns sammeln können und so hatte er zunächst auch als er nach Österreich kam die Absicht in diesen Bereich einzutauchen. Aufgrund der finanziellen Erfordernisse konnte er diesem Vorhaben jedoch nicht nachgehen. Dies ist ein offengebliebener Wunsch, den er sich möglicherweise in Zukunft erfüllen möchte.

Mirza Bahram Tajik

Mirza kam 2009 nach Österreich, wo er die ersten Tage in Erstaufnahmezentrum Traiskirchen verbrachte. Danach übersiedelte der damals 17-jährige Afghane nach Neudörfl, in ein Wohnheim für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. In den 2 Jahren, in denen Mirza hier untergebracht war, belegte er einen von der Caritas angebotenen Deutschkurs. Als er 2012 nach Wien zog, besuchte er erneut einen Deutschkurs, um seine Kenntnisse vertiefen zu können. In weiterer Folge machte Mirza seinen Hauptschulabschluss an der VHS Floridsdorf. Im Zuge eines Berufsintegrationsprojektes wollte er sich dann auf die Suche nach einer passenden Lehrstelle begeben, konnte hier jedoch nicht auf die erhoffte interne Unterstützung bauen. Auch Praktika als Krankenpfleger sowie als Aushilfskraft bei einer Einrichtungshauskette brachten seine Vorstellungen von Theorie und Praxis nicht miteinander in Einklang. Ein Freund berichtete ihm dann von den Bestrebungen des Vereins lobby.16, bei welchem er sich auch anschließend meldete. Ab Jänner 2014 nahm Mirza an dem Projekt “Bildungswege” teil und konnte im Zuge dessen eine Zusage für einen Lehrstellenplatz als Gebäudetechniker bei der öBB erlangen. Er schnupperte im Laufe des Projekts für einen Tag und konnte sich sogleich für das dort herrschende Arbeitsklima begeistern. Im September des gleichen Jahres trat er schließlich seine Lehre an.

Mirza ging früher gerne ins Fitnesscenter, um sich hier zum Ausgleich des Alltags sportlich betätigen zu können. Eine Verletzung zwang ihn jedoch dazu eine Pause einzulegen. Der junge Mann widmet sich außerdem gerne der Pflanzenwelt und könnte sich in Zukunft durchaus einmal vorstellen tiefgehender in diesen Bereich einzutauchen.

PortraitMuhammad Hussein Ahmadi

Muhammad lebt seit 2011 in Österreich. Der damals 16-jährige Afghane kam mit seiner Mutter, seiner Schwester und seinem jüngeren Bruder nach Oberösterreich. Sein älterer Bruder, der bereits Ende 2007 nach Österreich kam, wartete hier schon auf seine Familie. Die ersten 6 Monate verbrachte Muhammad in einem Wohnheim in Eferding. Da hier lediglich ein zweiwöchiger Deutschkurs zum Erwerben der Grundkenntnisse angeboten wurde, war es für den gebürtigen Afghanen zunächst schwierig, sich orientieren zu können. Gerne hätte er sich zu diesem Zeitpunkt intensiver mit der ihm nicht vertrauten Sprache Deutsch beschäftigt. Die Möglichkeit dazu sollte er bekommen, als er zu seinem älteren Bruder nach Linz zog. Hier konnte er 6 Monate lang an einem Deutschkurs teilnehmen. Die BFI-Produktionsschule in Leonding gab Muhammad anschließend die Möglichkeit 3 Monate lang ein Praktikum im Bereich der Metalltechnik zu absolvieren. In weiterer Folge wollte der junge Afghane seinen Hauptschulabschluss machen. Dabei unterstützte ihn das autonome Integrationszentrum Maiz, durch welches er einen Vorbereitungslehrgang besuchen konnte. Im Juni 2013 konnte er schließlich durch eine Externistenprüfung erfolgreich den Hauptschulabschluss ablegen.

Sein Bruder wohnte zu diesem Zeitpunkt schon in Wien und so übersiedelte auch Muhammad in die Hauptstadt Österreichs. Er wollte sich hier auf die Suche nach einer Lehrstelle begeben und belegte zunächst, zur Vertiefung seiner Deutschkenntnisse, einen vom bfi angebotenen Kurs. Sein älterer Bruder hatte bereits mit Unterstützung von lobby.16 eine Lehrstelle finden können. Muhammad wollte es ihm gleich tun, meldete sich bei lobby.16 und wurde schließlich in das Projekt “Bildungswege” aufgenommen. Sein erster Wunsch - eine Lehre als Maschinenbautechniker – erfüllte sich nicht, da er die Voraussetzungen im Bereich des Farbsehens nicht erfüllen konnte. Dennoch fand er schlussendlich eine passende Lehrstelle, welche auch seine Interessen bündeln konnte. Er trat Ende Juli 2014 eine Lehre als Pflasterer bei der Firma Bosch Bau AG an.

Neben seiner Lehre hat Muhammad gerade mit dem Führerscheinkurs begonnen und lernt, wann es die Zeit dafür zulässt für die Theorieprüfung. Der junge Mann ist auch sportlich aktiv und widmet sich mit Vorliebe der Kampfkunst Shaolin Kung Fu. Ein Teil seiner Familie lebt immer noch in OberÖsterreich und so nützt er die Wochenenden auch dazu sie zu besuchen.

PortraitRamin Nouri

Ramin kam Mitte Dezember 2008 nach Österreich. Die ersten 7 Monate verbrachte der damals 17-jährige Afghane in Traiskirchen, bis er für 1 1/2 Jahre nach Hirtenberg in ein Wohnheim für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge übersiedelte. Er hielt sich hier mit Vorliebe in der Natur auf, spielte Fußball oder kletterte auf Bäume. Ramin wollte wohl schon immer hoch hinaus, doch eines Tages sollte ihm das zum Verhängnis werden. Möglicherweise war es jugendlicher Leichtsinn, welcher ihn an jenem Tag in die Baumkrone eines Kirschbaums trieb. Beim Kirschenpflücken verlor er das Gleichgewicht, stürzte auf den Boden und erlangte sein Bewusstsein erst wieder im Krankenhaus. Frakturen an beiden Händen versetzten ihn lange Zeit in einen Zustand, in welchem er nicht alle Handlungsoptionen im Wohnheim ausschöpfen konnte. Als sein Genesungsprozess schließlich weiter vorangeschritten war, besuchte er im Sommer 2009 fünf Monate lang einen Deutschkurs. In diesem Zeitraum knüpfte Ramin durch seine Betreuer erstmals Kontakt mit lobby.16 und belegte einen EDV-Kurs bei dem Verein in Wien. Im Zuge eines Projekts von lobby.16 besuchte der junge Afghane mit weiteren in Hirtenberg untergebrachten Flüchtlingen eine HTL, um dort für die Schüler afghanisch zu kochen. Diesen sollte so ein Teil der afghanischen Kultur näher gebracht werden. Das Projekt kam so gut an, dass es zwei weitere Male wiederholt wurde.

Ramin wollte bald seinen Hauptschulabschluss in Österreich machen und besuchte zwecks bestmöglicher Vorbereitung einen 4-monatigen Lehrgang in Mödling. Zu dieser Zeit nahm sich der junge Afghane auch vor, bewusst mit Einheimischen in Kontakt zu treten, um seine Sprachkenntnisse vertiefen und sich der österreichischen Kultur weiter annähern zu können. Zu diesem Vorhaben suchte er sich den Bahnhof als frequentierten Platz aus und konnte so immer wieder Gespräche mit kontaktfreudigen Reisenden führen.

Im September 2010 meldete er sich dann für den Hauptschulabschlusskurs an, welchen er im Juni 2011 auch erfolgreich beendete. Nachfolgend begab er sich 3 Monate lang auf die Suche nach einer Lehrstelle und besuchte ab August 2011 einen Berufsorientierungskurs. Ramin hatte im Zuge dessen Vorstellungsgespräche im Bereich der Tischlerei, Mechanik und Elektrik.

Zu diesem Zeitpunkt war Ramin immer noch mit lobby.16 in Kontakt. Der Verein vermittelte ihm schließlich für 2 Wochen ein Praktikum bei der Firma Elektro Schwarzmann, welches im weiteren Verlauf um 3 Monate verlängert wurde. Der junge Afghane stellte sich engagiert den Erfordernissen des Praktikums. Zur Erlangung eines festen Ausbildungsplatzes musste er nun noch einen weiteren Schritt gehen und eine Aufnahmeprüfung ablegen. Seine Kenntnisse in Mathematik reichten jedoch zu dem Zeitpunkt für die erfolgreiche Absolvierung der Prüfung nicht aus. Sein damaliger Chef meinte, Ramin habe sich hier eine besonders schwierige Position ausgesucht, einen Ausbildungsplatz in diesem Bereich zu erlangen sei wohl zu diesem Zeitpunkt nicht realisierbar. Doch Ramin wollte nicht aufgeben, er wollte sich mit diesem Ausbildungsplatz eine Zukunft in Österreich aufbauen, um später einmal auf eigenen Beinen stehen zu können. So führte er nochmals ein Gespräch mit seinem Chef, schilderte ihm seine Lage. Da sich dieser in den letzten Monaten ein gutes Bild von dem fleißigen Praktikanten machen konnte, wollte er ihm eine weitere Chance geben. Ramin sollte sein Praktikum bei dem Unternehmen fortführen und nebenher seine Mathematik verbessern, dann hätte er nochmals die Möglichkeit die Aufnahmeprüfung zu machen. Ramin suchte Rat bei Veronika und Daniela von lobby.16, die ihm gut zusprachen und ihm eine Nachhilfe in Mathematik verschafften. Tag für Tag konnte Ramin so seine Kenntnisse in Mathematik vertiefen, bis er schließlich nach siebenmonatigen Bestrebungen, Ende Juli 2012, seine Zusage für den Ausbildungsplatz bekam.

Als er seine Lehrstelle antrat, arbeitete er nebenher am Wochenende als Reinigungskraft in zwei verschiedenen Clubs, um sein Budget aufzubessern. Neben den praktischen Tätigkeiten seiner Ausbildung stand auch der Besuch der Berufsschule für zehn Wochen im Jahr am Plan. Dieser sollte sich anders gestalten als zunächst gedacht. Die Erfordernisse waren hoch, die Verständnisprobleme in den einzelnen Fächern groß. Ramin kannte das System Schule in dieser Form nicht, hatte er doch in Afghanistan nicht die Möglichkeit diese Bildungseinrichtung zu besuchen. Er wusste nicht, wie er zum Lernen ansetzen sollte und suchte nach Halbzeit der Kursdauer Rat bei seinem Lehrer. Er hatte bis zu diesem Zeitpunkt in den meistern Fächern eine negative Beurteilung erhalten. Sein Lehrer sprach ihm gut zu, machte ihm das Angebot von Nachhilfe und gab ihm Ratschläge, wie er sich in dem ihm fremden System der Berufsschule bestmöglich zurechtfinden konnte. In den nächsten fünf Wochen ließ Ramin nichts unversucht, um nach Ende der Kursdauer mit positiver Bewertung die Bildungseinrichtung verlassen zu können. Er lernte Tag für Tag bis spät in die Nacht hinein und versuchte dem Unterricht fortwährend aufmerksam zu folgen, um größtmögliches Verständnis aus den Unterrichtseinheiten mitnehmen zu können. Ramin lernte schnell dazu und konnte in dieser Zeit sogar seinen Mitschülern auf bestimmten Wissensgebieten Nachhilfe geben. Sein Fleiß zahlte sich wahrlich aus. Er konnte sich in fast allen Fächern auf die Noten “gut” und “befriedigend” verbessern, lediglich in Mathematik stand Ramin noch auf “genügend”. Das wollte der ehrgeizige Schüler so jedoch nicht stehen lassen. Nach einer Entscheidungsprüfung in Mathematik stand dann schließlich auch das wohlverdiente “befriedigend” schwarz auf weiß in seinem Zeugnis. Ramin selbst meint, er sei nicht zufrieden, wenn er vorgegebene Erfordernisse oder seine eigenen Bestrebungen zunächst nicht erfüllen kann. Dies würde ihm nur noch weitere Motivation zum Erreichen seines Zieles verschaffen.

Der junge Afghane hat eindrucksvoll bewiesen, was ein starker Wille, Durchsetzungskraft, Ehrgeiz und Zielorientiertheit bewirken können. Diese Attribute führten ihn schließlich auch zur erfolgreichen Absolvierung seiner Lehrabschlussprüfung als “Elektro- und Gebäudetechniker” im Mai 2015. Anschließend wurde Ramin von Unternehmen Elektro Schwarzmann übernommen und kann nun seine in der Lehrzeit gewonnenen Kenntnisse in seine Arbeit umsetzen. Ramin versucht momentan, so oft es die Zeit neben seiner Arbeit zulässt, im Geriatriezentrum am Wienerwald, in welchem in leerstehenden Pavillons Notschlafstellen für Flüchtlinge eingerichtet wurden, auszuhelfen. Dies liegt ihm persönlich sehr am Herzen.